Blastphemie

Vor ein paar Tagen begegnete ich Gott.
Aber nicht so, wie man ihn sonst so trifft,
in einer wehenden Plastiktüte
oder in den Augen eines lachenden Kindes
oder auf einem Pfannkuchen oder so.
Nein, ich meine so richtig.
Plötzlich stand er da.
Mitten in meinem Wohnzimmer.
In einem weißen Gewand und mit wehendem Bart.
Er sah wirklich ein bisschen aus wie Morgan Freeman.
Und er hatte eine Flasche Bacardi in der Hand.
Und mit einem überirdischen, himmelsscharengebietenden, alttestamentalischen Bass sprach Gott:

Hallo
Und ich sagte
„Och nöö“
Mit dieser Begrüßung schien Gott nicht gerechnet zu haben. (So viel zur Allwissenheit). „Ich muss gestehen, ich habe einen etwas wärmeren Empfang erwartet. Bin ich zu früh?“, fragte Gott. Ich verstand die Frage nicht so recht. „Zu früh? Weiß nicht. Zu spät höchstens, die meisten Leute hatten zuletzt im Dezember mit dir gerechnet…“ Die Anspielung schien Gott wiederum nicht zu verstehen. „Nee, darum geht’s nicht“, versuchte ich den Faden wieder aufzunehmen, “Also, nimm es bitte nicht persönlich, aber… naja… ich bin Atheist. Ich meine, das müsstest du doch eigentlich wissen, oder? Das ist schon ein bisschen rücksichtslos von dir, hier einfach so aufzutauchen. Ich meine, zum Veganerpicknick bringst du doch auch nicht ne Runde Bratmaxe mit, oder? Eben. Ich meine, du, hier? Jetzt mal ganz ehrlich…“

In dem Moment klingelte es an der Tür. Ich richtete einen fragenden Blick auf Gott. „Das wird wahrscheinlich Jesus sein. Wurde auch Zeit, dass er aufkreuzt.“ Langsam kam mir die Sache spanisch vor. Ich öffnete die Tür und sah mich einem dunkelhäutigen, bärtigen Mann um die Dreißig gegenüber. Er hielt eine hübsche junge Frau im Arm. Beide grinsten mich von einem Ohr zum anderen an: „Konstantin! Sorry, dass es so lange gedauert hat, bis ich der Einladung nachgekommen bin, bei mir ist in letzter Zeit irgendwie die Hölle los. Das ist Maria Magdalena, hoffe es stört dich nicht, dass ich sie mitgebracht habe. Ist das okay, dass ich mein Kreuz unten im Treppenhaus abgestellt habe? Wie is’n das hier, sollte ich es vielleicht besser absperren?“ Kurz bevor meine Gesichtszüge so weit entglitten, dass meine Gesichtsmuskulatur irreparable Schäden erlitt, boxte mich Jesus in die Schulter. „War nur’n Witz. Keine Sorge, da steht kein überdimensioniertes Holzkreuz bei euch im Treppenhaus. Ich hab’s auf’m Behindertenparkplatz abgestellt. Was biste denn so bleich? Du guckst aus, als hättest du einen brennenden Busch gesehen. Na komm, hab dich nicht so, so ein bisschen Blasphemie hat noch keinem geschadet. Naja, obwohl…“ Während Jesus so vor sich hinwitzelte fand ich langsam meine Fassung wieder und wurde meiner Gastgeberpflichten gewahr: „Jesus, wo sind meine Manieren, kommt rein, kommt rein, soll ich uns einen Wein aufmachen?“ „Du, Wasser reicht“, winkte Jesus ab.

Eine Sache machte mich dann doch stutzig. „Sag mal, Jesus, nicht dass du das falsch verstehst, aber wie meinst du das mit der Einladung?“. Jesus grinste süffisant und strich sich über den Bart: „Naja, letztens hast du doch diese Jesus-Freaks-Tussi bei dir zum Abendmahl eingeladen, erinnerst du dich? „Komm Herr Jesus, sei unser Gast“ – klingelt da was? Hast du brav mitgesprochen, du Opportunatheist.“

Da hatte Jesus den Nagel auf den Kopf getroffen.

Ich verstand zwar nicht wie genau, aber offensichtlich hatte ich mich am Atheismus versündigt. Und bekam dafür Besuch von Gott, Jesus und Maria Magdalena. „Jepp, meine Wege sind fuckin’ unergründlich!“ tönte der göttliche Bass aus dem Wohnzimmer. Scheinbar hatte Gott in diesem Moment meine Gedanken gelesen. „Nicht nur in diesem Moment, du Ferkel. Und jetzt komm her und erklär uns, wie dieses Looping Louie funktioniert!

Und so geschah es.

Wie zu erwarten hielt der göttliche Bacardi nicht sehr lange, doch zum Glück tauchte bald der Heilige Geist mit einer Flasche Himbeerlimes auf. Für Looping Louie waren wir damit einer zu viel. Mein Vorschlag, stattdessen Mäxchen zu spielen wurde abgelehnt, weil Gott offensichtlich nicht würfelt. Hat irgendwas mit der Relativitätstheorie zu tun, so genau habe ich es auch nicht verstanden. So blieb uns nichts weiter übrig, als einfach so zu saufen. Gottes Gaben darf man schließlich nicht verkommen lassen. So gegen 4 fingen die ersten an zu schwächeln. Mary schlief mit dem Kopf auf Jesus’ Schoß ein (die Kleine sprach nur aramäisch und hatte von dem Abend wahrscheinlich eh nicht so viel mitbekommen).
Auch Gott war tot-
müde auf meinem Sofa weggeratzt.
Nur noch Jesus, HeilGe und ich waren noch wach.
Da nahm ich schließlich all meinen Mut zusammen und sagte:
„Jesus, darf ich dir eine Frage stellen?“
Und Jesus nahm einen Tortillachip,
tunkte ihn in die Guacamole,
nahm einen Bissen
und sprach
„Ich weiß was du fragen willst.
Und ich wünschte echt du würdest es nicht tun.
Aber tu, was du nicht lassen kannst.“
„Jesus, warum lässt du zu, dass so viel Leid auf der Welt passiert?“
„Here we go again“ murmelte der Heilige Geist kaum wahrnehmbar in seinen imaginären Bart und führte ein Glas Wein an seine imaginären Lippen.

„Jesses…“ seufzte Jesus, und blickte mich ernst an, zum ersten Mal an diesem Abend: “Es ist schon ein Kreuz mit euch Menschen. Und ich hatte echt gehofft du als Pseudoheide wärst anders. Was ist das für eine Frage? Warum lasse ich zu, dass so viel Leid auf der Welt passiert? Warum tust du es denn? Achtzig Prozent von dem Leid auf der Welt geschieht, weil ihr Menschen euch direkt gegenseitig abfuckt. Und die restlichen zwanzig Prozent passieren, weil ihr auch euere Umwelt abfuckt. Ihr rodet Bäume wie blöd und wundert euch dann, dass da plötzlich Wüsten entstehen und Menschen hungern. Na so was. Ihr fliegt mal eben für’n Zwanni in Urlaub auf Malle und guckt betroffen, wenn Thailand weggespült wird. Oops. Der Witz an einem freien Willen ist, dass ihr frei seid, euch zu entscheiden was ihr tut und dann mit den Konsequenzen leben müsst. Die Alternative wäre, dass jedes Mal, wenn ihr Scheiß baut, mein Daddy ex machina angeflogen kommt und euch auf die Finger klopft. Eine astreine, himmlische Diktatur hätten wir dann. Hatten wir schon mal, war mäßig erfolgreich, hat mit einer Sintflut geendet. Da wart ihr auch nicht zufrieden.“

So sprach Jesus und begann Maria Magdalena zu wecken. „Ach Gott, das war doch nicht so gemeint“, versuchte ich Jesus noch im Flur aufzuhalten, doch schneller als ich blicken konnte, waren er und Mary zur Tür raus. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, waren auch Gott und HeilGe verschwunden. Und das war ziemlich genau der exakte Augenblick, an dem ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln.
Bis ich plötzlich von der Straße seltsame Schleifgeräusche vernahm.
Wie von Holz, das über Kopfsteinpflaster gezogen wird.
Dazu leise Flüche.
Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.
Darauf festnageln würde ich mich nicht.

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