Das Schloss

Erschöpft breche ich vor der Pforte zusammen. Ich beiße mir auf die Lippen um nicht aufzuschreien als sich die kleinen, spitzen Steine auf dem Pfad in meine Knie und Handflächen bohren. Der Schmerz verschafft mir einen klaren Augenblick, den ich nutzen muss. Mit Mühe widerstehe ich der Versuchung, mich einfach auf die Seite zu legen, die Augen zu schließen und mich vom schweren, gnadenbringenden Vergessen übermannen zu lassen. Ich richte mich langsam auf, die Sehnen in meinem Rücken ächzen und mir wird wieder Schwarz vor Augen. Der Aufstieg war schwer, meine zerschundenen Füße und blutverkrusteten Hände geben ein wahrhaftiges Zeugnis davon, doch endlich bin ich wieder hier.

Die unwirtliche Landschaft um mich herum ist bar jeden Lebens. Kahle, zerklüftete Berge so weit mein Auge blicken kann. Nur vereinzelte, karge Büsche an Wegesrand, und zu beiden Seiten der Abgrund, der Tod. Einen Augenblick lang betrachte ich das verwitterte Holz der schweren Tür vor mir. Keine Umgebung vermag auf das vorzubereiten, was hinter der Schwelle wartet.

Mit letzter Kraft stemme ich mich gegen die Pforte, die ächzend nachgibt, scheinbar unwillig, mir Einlass zu gewähren. Ein Windstoß, kalt wie der Hauch des Schnitters weht mir aus der Dunkelheit entgegen. Ich darf nicht länger zaudern, trete über die Schwelle und lasse mich von der Schwärze hinter der Tür verschlucken.

Auch wenn ich das Zuschlagen der Pforte in meinem Rücken erwartet habe, lässt es mich doch erschauern. Die Kälte um mich herum scheint durch meine Haut direkt in meine Seele zu fahren. Vereinzelte Lichtstrahlen brechen durch schmale, hohe Scharten weit oben zu meiner Linken, doch sie vermögen nicht mehr als Schemen und grausige Schatten entstehen zu lassen.

Ich blicke mich um und warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Die wahren Ausmaße des Raumes kann ich nur erahnen, da sich Wände und Decke in der Schwärze verlieren. Ich gehe einige Schritte nach vorne. Ich muss mich nicht ankündigen, sie wissen bereits, dass ich hier bin. Zu meiner Rechten tritt geräuschlos eine Gestalt in einer weißen Robe aus dem Dunkeln. Ihre weiße Kapuze hat sie tief ins Gesicht gezogen, so dass ich keinerlei Konturen ausmachen kann. Auf eine seltsame Weise bin ich froh darum. Die Gestalt entzündet eine Fackel, doch obwohl die Flamme so nah an mir ist, das mich das Feuer fast berührt, spüre ich keine Wärme. Stumm wird mir gedeutet zu folgen.

Das flackernde Licht führt mich eine steile, steinerne Wendeltreppe hinunter. Die Katakomben unter diesem unheiligen Ort sollen bis hinunter zu den Pforten der Unterwelt führen. Einst hielt ich das für Mären. Doch so weit soll mein Weg mich heute nicht führen, so hoffe ich. Wir laufen durch enge, verzweigte Gänge. Es wäre sinnlos zu versuchen, sich den Weg zurück an die Oberfläche zu merken – es heißt, diese Gänge hätten ein eigenes Leben und würden sich stetig bewegen und verändern.

Das dumpfe Dröhnen, welches ich eine Weile nur halb bewusst vernahm, wird lauter. Es scheint aus keiner bestimmten Richtung zu kommen, so als ob das Geräusch seinen Ursprung hinter meiner Stirn fände. Mein stummer Führer beschleunigt seinen Gang. Während ich versuche mit ihm Schritt zu halten, merke ich, wie mein ausgezehrter Körper allmählich an seine Grenzen gelangt. Es ist eine Prüfung. Wenn ich das Licht der Fakel aus den Augen verliere, werde ich in der immerwährenden Nacht dieses Labyrinths mein baldiges Ende finden. Das Dröhnen wird lauter, doch die Flamme entfernt sich immer weiter von mir. Halb laufend, halb humpelnd, die Lunge ein Schrei aus tausend Scherben, die Augen starr auf schrumpfenden Lichtpunkt gerichtet bewege ich mich vorwärts. Das Dröhnen wird unerträglich laut und nun glaube ich auch gequälte Seufzer ausmachen zu können. Immer weiter entfernt sich die Fackel von mir und ich spüre wie das zweiköpfige Untier Panik seine kalten, klammen Klauen um mein Herz legt.

Plötzlich verschwindet das Licht hinter einer Wegbiegung. Ich laufe ihm noch einige Schritte nach, werde jedoch mit jedem Schritt langsamer und bleibe schließlich stehen. Ich sinke auf die Knie und schließe die Augen, während ich versuche wieder zu Atem zu kommen. Als ich die Augen wieder öffne, glaube ich zunächst an eine Sinnestäuschung – an der Stelle, wo ich die Flamme verschwinden sah kann ich einen schwachen Lichtschein erkennen! Mich mit einer Hand an der Wand entlangtastend gehe ich langsam auf den Schein zu. Hinter der Wegbiegung sehe ich den Ausgang aus dem Labyrinth, wo mein Führer bereits auf mich wartet.

Schließlich bin ich doch am Ziel meiner Reise angelangt: Ich betrete ein riesenhaftes Gewölbe, das hier wohl vor tausenden von Jahren in den Fels gehauen worden ist. Ein sonderbarer mechanischer Turm, hoch wie zehn Mann, steht in Mitten des Gewölbes. Eine Maschine, die aus einer absonderlichen Anordnung von dumpf dröhnenden, immerwährend pumpenden Kolben, Zylindern, dampfenden Rohren, Zahnrädern und Keilriemen besteht. Dicke, halb durchsichtige Schläuche voller zähflüssiger, rötlich schimmernder Masse winden sich wie Würmer um das Gebilde.

In einem Halbkreis um den Turm sind unzählige metallische Liegen aufgestellt. Auf den meisten von ihnen sind Menschen festgeschnallt. Einige zucken konvulsivisch, andere liegen zitternd da, die Augen halb geschlossen, die Gesichter zu schrecklichen Grimassen verzerrt. Sie alle sind über ein komplexes System aus Drähten und Schläuchen mit der Maschine verbunden. Ein Schwarm von Gestalten in weißen Roben bewegt sich unablässig zwischen den Liegenden. Mein Führer geleitet mich zu einem freien Liegeplatz. Eine zweite Gestalt eilt zu uns und ich werde mit Lederriemen an Armen, Beinen und Oberkörper festgeschnallt. Ein erstickter Schrei entrinnt meiner Kehle, als sich wenige Augenblicke später zwei große Nadeln in die Venen meiner Oberarme bohren. Ich muss die Qualen jedoch nicht lange ertragen, bald schon umfängt mich die gnadenbringende Ohnmacht.

Ich stehe vor einem massiven Holztisch. Einige flackernde Kerzen auf dem Tisch sorgen für die karge Beleuchtung. Obwohl die Prozedur nur wenige Stunden gedauert haben mag, fühle ich mich um Jahre gealtert. Mein Gegenüber, abermals eine Figur in einer weißen Robe, schiebt mir einen kleinen Lederbeutel zu. Mit zitternder Hand nehme ich den Beutel an mich. Gegen den Widerstand meiner bleiernen Beine ankämpfend wende ich mich ab um zu gehen, als mich plötzlich eine kalte, zischelnde Stimme zurückruft:

„Halt, du musst noch unterschreiben!“, „Was? Oh, sorry!“. Unter dem vorwurfsvollen Blick der leicht gestressten Centermitarbeiterin kritzele ich ein bisschen mit dem Plastikstift auf dem elektronischen Display. „Alles klar, danke für deine Spende! Bis zum nächsten Mal!“  Die 24€ in meiner Hand ungeschickt in meinen Geldbeutel stopfend nicke ich und lächle . “Ciao!” Ich trete durch die Tür nach draußen und lasse das Blutplasmacenter hinter mir. So langsam wird mir klar: ich brauche endlich einen richtigen Nebenjob.

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